#HERTHAMUSEUM: Heimat im 'Hertha BSC Domizil'
Historie | 1. März 2020, 11:02 Uhr

#HERTHAMUSEUM: Heimat im 'Hertha BSC Domizil'

#HERTHAMUSEUM: Heimat im 'Hertha BSC Domizil'

In der 43. Folge #HerthaMuseum reisen wir ein halbes Jahrhundert zurück und blicken auf den langgehegten Wunsch nach einer vereinseigenen Begegnungsstätte, die in Erfüllung gehen sollte.
Berlin – 78 Jahre nach der Vereinsgründung ist Hertha BSC ein etablierter und vielschichtiger Verein. Neben einer großen Fußballabteilung treten die Blau-Weißen auch beim Boxen und Kegeln, im Eissport und beim Tischtennis an – sogar eine eigene Gesangsabteilung tritt mit der blau-weißen Fahne auf der Brust an. Das, was dem Verein allerdings fehlt, ist ein gemeinsames Zuhause für Sportler, Verantwortliche und Fans. Gerhard Bautz, seit Oktober 1968 der 1. Vorsitzende der 'Alten Dame', spricht zu dieser Zeit von einem "relativ sterilen" Vereinsleben. Die Hertha-Gemeinschaft taucht nach außen hin nur bei Spielen der Bundesliga-Mannschaft auf, während die anderen Abteilungen – an verschiedenen Orten – im kleineren Kreis eine Art Eigenleben führen. Ein geselliges Miteinander aller Altersgruppen findet kaum statt.  

Mit Herz und Hand


Im November 1970 wird der Grundstein gelegt, um diesen Zustand zu überwinden. Bautz schließt einen Kaufvertrag mit dem Bezirksamt Wedding ab. Der Club wird Eigentümer des Norden-Nordwest-Kasinos (erbaut 1924), das gegenüber des Hertha-Platzes an der Jülicher Straße/Ecke Behmstraße liegt. Der Kaufman, der sich als Direktor der Schultheiss-Brauerei in Berlin-Neukölln einen großen Erfahrungsschatz angeeignet hat, geht von einem kostenneutralen Vorhaben aus. Über die monatlichen Pachteinnahmen und der Ersparnis der bisherigen Mietkosten alter Räumlichkeiten soll sich der Kaufpreis innerhalb der zunächst vereinbarten Mietdauer von fünf Jahren amortisieren. Da Hertha BSC bereits für die Renovierung des Hertha-Platzes inklusive neuer Drainage mit hohen Ausgaben zu rechnen hat, ruft der Verein zur Mithilfe bei der notwendigen Neugestaltung und Einrichtung des Domizils auf. Handwerksfirmen sollen bei der Renovierung der Räumlichkeiten helfen, Mitglieder das ganze Vorhaben finanziell unterstützen. Der Vereinsvorstand geht mit gutem Beispiel voran und übernimmt selbst einige Kosten. Letztendlich decken eingenommene Werbeeinnahmen die Hälfte aller Ausgaben.

Neun Monate später eröffnet Bautz das 'Hertha BSC Domizil' im Beisein zahlreicher Ehrengäste. So sind Anfang Juli 1971 neben Bürgermeister und Innensenator Kurt Neubauer und Sportsenatorin Ilse Reichel auch die beiden Meisterspieler Johannes 'Hanne' Sobek und Rudolf Wilhelm sowie Helmut 'Fiffi' Kronsbein anwesend. Natürlich darf auch die gesamte Lizenzspieler-Mannschaft nicht fehlen. Richard Genthe, Ehrenpräsident des Verbandes Berliner Ballspielvereine (VBB) bringt in einem Schreiben seine Anerkennung zum Ausdruck. "Endlich hat Hertha BSC ein eigenes Vereinshaus und zwar an der Stelle, wo vor circa 50 Jahren der Club seine ruhmreiche Vereinsgeschichte – die auch bis zur heutigen Zeit ein Stück unseres Berlins in sich birgt - begann."
Das 'Hertha BSC Domizil' ist mit seinem einladenden Biergarten wahrlich ein Schmuckstück. Ein großzügig gestalteter Gastraum mit Thekenbereich, ein Festsaal, eine Kegelbahn, ein Pressezimmer für die Vertreter der Öffentlichkeitsarbeit und weitere Vereinszimmer für Sitzungen der Vereinsausschüsse und -abteilungen lassen ebensowenig Wünsche offen wie die Büroräume für die Geschäftsführung, das Sekretariat, den Kartenverkauf oder die Buchhaltung.

Obwohl die Fußballer die Bundesliga-Spiele im Olympiastadion austragen, ist das 'Hertha BSC Domizil' der Treffpunkt für die blau-weiße Familie. Auch weil die Mannschaft noch immer auf dem 'Hertha-Platz' trainiert, Freundschaftsspiele bestreitet und Partien des Intertoto-Cups austrägt. Im September 1974 findet hier das letzte Spiel gegen den FC Antwerpen statt. Denn aufgrund des Manipulationsskandals in der Fußball-Bundesliga – und der dadurch drastisch gesunkenen Einnahmen – ist der Verkauf der 'Plumpe', wie der 'Hertha-Platz' genannt wird, unumgänglich geworden.

Der schmerzliche Verlust des Vereinsgeländes, das Ende des Jahres abgerissen wird, wirkt sich auch auf das 'Hertha BSC Domizil' aus. Während die Amateur-Fußballer sowie alle anderen Abteilungen im Gesundbrunnen verbleiben, zieht die Geschäftsstelle mit der Lizenzspieler-Abteilung nach Charlottenburg in eine Villa in der Pommernallee unweit des Theodor-Heuss-Platzes. Vize-Präsident Dr. Dietrich Cassau kommentiert im Sommer 1975 diesen Schritt mit den Worten: "Somit haben wir ein Bein in dem Bezirk Berlins und in der Nähe der Sportstätte, wo wir hoffentlich zukünftig weitere große Erfolge erringen werden. Womit ich nicht deutlich machen will, dass wir die Absicht haben, ein mehr oder weniger vornehmer Charlottenburger Club zu werden, aber doch unser fernes Ziel zu erkennen geben möchte, aus Hertha BSC – dem Verein von der 'Plumpe' oder 'den Gesundbrunnern' – einen Gesamtberliner Sportverein zu machen, der er ja eigentlich auch ist.“

Ehemals Domizil – heute Hostel

45 Jahre nach dieser Aussage, im Oktober 2010, wird das seit vielen Jahren leerstehende und verfallene ehemalige Vereinsdomizil der Blau-Weißen von dem einzigen Interessenten ersteigert. In den folgenden vier Jahren wird das Gebäude, für das mittlerweile der Denkmalschutz aufgehoben ist, renoviert. Anfang 2015 eröffnet es als Hostel wieder. Zum Erstaunen der Betreiber schauen am Tag der Eröffnung viele Fußball-Fans vorbei. In einem Interview mit einer Berliner Tageszeitung berichtet die Geschäftsführerin: "Wir haben von Hertha BSC nicht viel in unserem Hostel angebracht, aber die Geschichten laufen quasi durch unser Cafè." Diesen treffenden Worten ist nichts hinzuzufügen.

(fs/HerthaBSC)

Gesagt...

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Somit haben wir ein Bein in der Nähe der Sportstätte, wo wir hoffentlich zukünftig weitere große Erfolge erringen werden.
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-Dietrich Cassau

von Hertha BSC