20 Jahre „Hertha-Bubis“: Das Halbfinale
Teams | 11. Juni 2013, 19:51 Uhr

20 Jahre „Hertha-Bubis“: Das Halbfinale

20 Jahre „Hertha-Bubis“: Das Halbfinale

Hertha-Amateure zogen durch den 2:1 (2:1)-Sieg gegen den Chemnitzer FC ins Pokalfinale ein.
Berlin - Es war eine der größten Sensationen in der Geschichte des DFB-Pokals überhaupt. In der Saison 1992/1993 sorgte die Amateurmannschaft von Hertha BSC für Furore und zog als erstes Amateurteam der deutschen Pokalgeschichte in das Endspiel im Berliner Olympiastadion ein. Das Finale gegen Bayer 04 Leverkusen fand am 12. Juni 1993 statt. Vor 20 Jahren schrieben die „Hertha-Bubis“ Fußballgeschichte und herthabsc.de zeichnet die sensationelle Pokalsaison nach.

Die Amateure von Hertha BSC, der Chemnitzer FC, Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt: Das waren die verbliebenen vier Teams, die das Halbfinale des DFB-Pokals in der Saison 1992/1993 erreichten. Der CFC wirkte auf den ersten Blick wie das erhoffte Wunschlos des Amateurklubs aus Berlin – doch weit gefehlt. „Mist, das ist mir gar nicht recht. Mir wäre Frankfurt am liebsten gewesen“, ärgerte sich Hertha-Coach Jochem Ziegert über die Semifinalauslosung. Zweitligist Chemnitz musste den Weg zu den „Sensations-Hertha-Bubis“ antreten. „Jetzt denken die Leute bestimmt: Die haben Leipzig, Hannover und Nürnberg geschlagen, da wird Chemnitz ja wohl kein Problem sein“, mutmaßte Ziegert und hoffte, dass seine junge Truppe dem großen Druck standhält.

Zwei Tore mit Ansage

Und tatsächlich brach eine Mannschaft unter der schier erdrückenden Last vor 56.514 Zuschauern im prall gefüllten Berliner Olympiastadion, in das die Amateure extra für den Halbfinalkracher umzogen, zusammen. Doch zur großen Überraschung waren es nicht die Nachwuchs-Herthaner, sondern das Profi-Team aus Sachsen, das weiche Knie bekam und vor der großen Kulisse und der geballten Offensivpower der Blau-Weißen erstarrte. „Man, die haben ja die Hosen gestrichen voll“, bemerkte Herthas Ayhan Gezen wenige Augenblicke nach dem Anpfiff und rief zur Attacke.

Bereits in der 5. Spielminute wurde die erste Angriffswelle der Amateure belohnt. Eine Kopfballverlängerung von Oliver Schmidt nach Einwurf seines Zwillingsbruders Andreas, der für seine scharfen und weiten Einwürfe berüchtigt war, landete vor den Füßen von Junioren-Nationalspieler Carsten Ramelow, der den Ball volley mit seinem linken Fuß abnahm und im Tor der Chemnitzer versenkte. Die frühe Führung für den Underdog, der jedoch überhaupt nicht daran dachte, das hohe Tempo aus der Partie zu nehmen. Die „Hertha-Bubis“ stürmten munter weiter und ließen den „Fußballkessel“ Olympiastadion kurze Zeit später ein zweites Mal explodieren. Bei einer Ecke von Gezen stand Sven Meyer goldrichtig und köpfte den Ball vorbei an CFC-Torwart Jens Schmidt in die Maschen des Gästetores (22.). Die märchenhafte Erfolgsgeschichte nahm unaufhaltsam ihren Lauf und Jochem Ziegert zeigte sich als Fußballfachmann und Orakel zugleich. Vor der Partie hatte er seiner Elf eingeimpft: „Heute müssen wir mal nach Standardsituationen zuschlagen. Keller und Bittermann sind zwei kleine Kerle, Andreas merke dir das. Bei deinen langen Einwürfen musst du über die rüber werfen. Dann verlängern wir das Ding und machen es am langen Pfosten rein. Und noch etwas: Sven, du machst heute ein Kopfballtor. Wenn du zum Zuge kommst, immer ins lange Eck mit dem Ball. Die platzieren da keinen, der den Ball von der Linie kratzen könnte.“ Zwei Tore mit Ansage.

Als erstes Amateurteam der Geschichte im Pokalfinale

Die Blau-Weißen brannten an diesem 31. März 1993 ein regelrechtes Feuerwerk der Offensivkombinationen ab, doch aus der komfortablen Zwei-Tore-Führung wurde alsbald ein Zitterspiel. Nachdem Andreas Zimmermann Thorsten Boer im Strafraum regelwidrig stoppte, entschied Referee Eugen Strigel auf Strafstoß, den Steffen Heidrich zum Anschlusstreffer verwandelte (36.). Die Himmelblauen erhöhten nach dem Seitenwechsel schließlich den Druck und stemmten sich gegen die Blamage. Aber an dieser aufopferungsvoll kämpfenden Amateurtruppe gab es kein Vorbeikommen.  „Unglaublich, wir waren nach 75 Minuten so platt. Aber das Publikum hat uns wieder nach vorne getragen“, erklärte ein erschöpfter Oliver Schmidt. Die Abwehr der Berliner hielt stand und als Strigel um 22.01 Uhr die Partie abpfiff, verwandelte sich das Olympiastadion in „ein wahres Tollhaus der Glückseligen“, titelte die Presse.

„Mit viel Glück und Geschick haben wir den knappen Vorsprung über die Zeit gerettet. Nun wird gefeiert bis zum Wochenende. Ich habe mir in weiser Voraussicht Urlaub genommen“, verkündete Ziegert mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Sein Gegenüber schaute weitaus betrübter aus der Wäsche. „Jetzt sind wir die Deppen der Nation“, saß die Enttäuschung bei Chemnitz-Coach Hans Meyer tief. Währenddessen feierten die „Hertha-Bubis“ ausgelassen mit den zahlreichen Fans und genossen sichtlich die erneute Sensation. „Das war das tollste Spiel, das ich mit den Hertha-Amateuren gemacht habe“, verkündete der Torschütze zum 2:0 Sven Meyer. Der Mann, der die frühe Führung markierte, suchte indes noch nach Worten. „Ich kann es noch nicht fassen. Das war das wichtigste Tor meiner bisherigen Karriere“, erzählte Ramelow den Journalisten, die ihren Augen ebenfalls nicht trauen wollten. Zum ersten Mal in der Geschichte des DFB-Pokals stand somit eine Amateurmannschaft im Endspiel, wo Bayer 04 Leverkusen zum großen Showdown wartete.

Das Spiel im Stenogramm:

Hertha BSC Amateure  - Chemnitzer FC 2:1 (2:1)

Aufstellungen:
Hertha BSC:
Fiedler - Meyer - A. Zimmermann, Nied - O. Schmidt, A. Schmidt, Ramelow, Klews, Holzbecher (67. König) - Kaiser, Gezen (81. Lehmann)
Chemnitzer FC: Schmidt - Barsikow - Bittermann, Laudeley - Keller, Veit, S. Heidrich, Mehlhorn, Gerber - Renn (56. Torunarigha), Boer (81. Zweigler)

Tore: 1:0 Ramelow (5.), 2:0 Meyer (22.), 2:1 Heidrich (FE., 36.)
Zuschauer: 56.514
Spielort: Olympiastadion, Berlin

von Hertha BSC